Aufrichten – „Es kann auch mich treffen!“​

Aus Untersuchungen weiss man, dass von einem Suizid durchschnittlich 20 Personen im nahen Umfeld direkt betroffen sind. Auch diese Menschen sind gefährdet. Die Geschichte von Claudio zeigt: Jede und jeder von uns kann in eine Abwärtsspirale geraten – aber auch wieder herauskommen.

Josefine Krumm, Fachfrau Gesundheitsförderung und Prävention, im Gespräch mit Claudio, hinterbliebener Bruder (Name von Redaktion geändert)

Claudio war 25 Jahre alt und erwarb sein Diplom im Sozialbereich. In der Mitte des letzten Ausbildungsjahres waren sie auf einmal da, diese verwirrenden Gefühle, die er von sich nicht kannte und die ihn irritierten. Er hatte miterlebt, wie seine Familie den Suizid seines Bruders nicht verhindern konnte. Nun fing er an, sich mit seinem Bruder zu vergleichen, und stellte ähnliche Muster bei sich selbst fest. Seine verschobene Wahrnehmung und das ständige Kreisen der Gedanken nährten die Angst, selbst psychisch krank zu sein. Vor seinem geistigen Auge stand eine Spirale, die ihn in die Tiefe zog. Er war vielleicht noch nicht am Boden angekommen, aber auf dem besten Weg dazu. Zuunterst lauerte die Suizidalität.

Vom anstehenden Abschluss gefordert, konfrontiert mit seinen irritierenden Gefühlen und von der Geschichte seines Bruders geprägt, fing er an, sich zu fragen: Ist das Umfeld eines gefährdeten Menschen überhaupt imstande, diesen aufzufangen und vor einem Suizid zu bewahren?

«Er wollte Architekt werden»

Claudio erzählt: «Sie müssen sich vorstellen, mein Bruder war so engagiert, hatte Interesse, zeigte mir mit Begeisterung seine Bücher über Herzog & de Meuron. Er wollte Architekt werden. Jemand, der so begeistert ist, dachte ich, wird sicher ein toller Architekt.» Dann passierte es: Dem älteren Bruder war ein Promotionsschritt
nicht auf Anhieb gelungen. Die Abwärtsspirale hatte eingesetzt.

Zu dieser Zeit war Claudio im Militär gewesen. Als er das erste Mal nach Hause kam, ging es seinem älteren Bruder psychisch schlecht. Dass dieser obendrein noch erkennen musste, wie der jüngere Bruder Claudio beruflich weitergekommen war,
hatte seine Last zusätzlich erschwert.

Was, wenn die Angst vor Unfähigkeit alles Handeln lähmt?

Jetzt, im letzten Ausbildungsjahr, erkannte Claudio dieselben Frustrationspotentiale in seinem Leben. Der Stress in der Ausbildung steigerte sich immer mehr. Er hatte Angst vor dem Moment, in dem er die von ihm verlangten Fähigkeiten bei der Arbeit
vielleicht nicht mehr abrufen kann. Um dann, wie gelähmt, selbst in eine Depression zu fallen. Wie sein Bruder. Seine Gedanken kreisten weiter. Würde er selbst merken, wie sich seine Handlungsfähigkeit einschränkt? Dass die Menschen, die er in seinem
sozialen Beruf behandelt, gar nicht so anders sind als er selbst? «Es kann auch mich treffen!», wurde ihm klar.

Kleine Schritte, wirklich kleine Schritte

Es waren die kleinen Schritte, die Claudio schlussendlich das Vertrauen und den Glauben an sich selbst zurückbrachten. Der scheinbar unbesiegbar hohe Berg, der sich vor ihm auftürmte, liess sich eben doch erklimmen. Wie bei einem Trekking galt
es, einfach mal zu starten, den kurzen Weg bis zum ersten Halt ins Auge zu fassen.

Offene Gespräche über den Tod seines Bruders, Tipps von seiner Praxisleiterin, wie er mit der Krise umgehen kann oder der Austausch mit Mitstudierenden, die sich demselben Leistungsdruck ausgesetzt sahen: Claudio fing an, die einzelnen Etappen auf seinem Weg zu würdigen und als Erfolg zu feiern. Er war fähig, einen Teil der Strecke, und sei er noch so kurz, zu planen und abzuschliessen. So konnte er sich selber beweisen, dass er handlungsfähig war, und nicht gelähmt.

Lichtblicke zeigten sich in seinem alltäglichen Tun, in Begegnungen. So verbesserte sich sein Zustand nach und nach. «Aus meiner Sicht war das Gespräch mit wichtigen Personen in meinem beruflichen Umfeld unbedingt notwendig», sagt Claudio im Nachhinein. «Mich nicht verstecken zu wollen, erlaubte mir, das Problem anzuerkennen und gut auf mich selbst zu achten.»

Überlebensstrategie körperliche Arbeit

Claudio hatte den Abschluss geschafft und begann, einen Tag pro Woche auf dem Bau zu arbeiten. Körperliche Arbeit war eine Abwechslung nach seinem KV-Abschluss und der anschliessenden Diplomausbildung zum Sozialpädagogen, ein guter Kontrast zu seiner gedanklichen Negativspirale. Diese Arbeit half ihm bei der Einordnung seiner Gedanken.

Er lernte neue Umgangsformen kennen, ohne viel Überlegungen zur «richtigen» Kommunikation. Ohne Umschweife hätten ihn die Kollegen auf dem Bau gefragt: «Warum braucht es überhaupt so viele Leute im Sozialbereich?» Oder: «Was macht die Menschen anfälliger für psychische Probleme?» Statt lange über diese Fragen zu sinnieren, seien aber schon wieder Holzbalken von A nach B zu wuchten gewesen. Schliesslich musste ein Dach aufgerichtet werden.

«Mein Bruder hat es so
gemacht,
ich nehme eine andere
Abzweigung.»

Claudio weiss nicht, mit welchen Herausforderungen das Leben noch auf ihn wartet. Der Gang durch die Krise habe ihn gestärkt. «Dass ich diesen Tiefpunkt gemeistert habe, lässt mich in einer künftigen Situation hoffentlich stärker sein.» Mit dieser Erfahrung im Rucksack könne er in Zukunft weiter handlungsfähig bleiben, statt von der Überforderung gelähmt zu werden. Das sei das Wichtigste.

Mittlerweile schafft es Claudio auch, die Geschichte seines Bruders einzuordnen. «Mein Bruder hat es so gemacht. Seine Entscheidung respektiere ich. Ich mache es anders, ich nehme eine andere Abzweigung.» Er ist überzeugt, dass sein Bruder
einverstanden wäre mit ihm. Vielleicht war es deshalb sein Wunsch, mit Menschen zu arbeiten, die Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen suchen. Personen
mit psychischen Schmerzen merkten rasch, dass er es ernst meine, dass er sie abholen wolle, sagt Claudio. «Das Schönste ist, wenn sich dieses Vertrauen in der professionellen Beziehung einstellt!»

Claudio freut’s, wenn seine Offenheit und die Erzählung seiner persönlichen Geschichte Sie, liebe Leserin, lieber Leser, erreichen und Hoffnung schüren.

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