Einmal kurz reden, bitte

Ein einziges Gespräch kann Leben retten. Eine Studie zeigt eine grosse Wirkung von sogenannten Kurzinterventionen.

Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben, weisen ein deutlich höheres Risiko für weitere Versuche auf. Doch ein einziges Gespräch kann das Risiko für einen erneuten Versuch deutlich senken. Das zeigt eine internationale Analyse unter der Leitung der Universität Zürich. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Gesundheit BAG versuchten letztes Jahr in der Schweiz 25’000 – 30’000 Menschen, sich das Leben zu nehmen.

Blumen vor dem Restaurant in Crissier für den Spitzenkoch Benoît Violier, der sich das Leben genommen hat. (Quelle: KEYSTONE / Cyril Zingaro)

Doch nur rund ein Drittel der Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich haben, erhalten laut der Studie danach eine weiterführende Behandlung. Kurzinterventionen würden nun genau dort ansetzen, sagt die Psychotherapeutin Stephanie Homan, die Hauptautorin der Studie.

Solche Kurzinterventionen hätten die Stabilisierung der suizidgefährdeten Menschen zum Ziel. Kurzinterventionen seien stark strukturiert, sie könnten therapeutische Massnahmen beinhalten, aber auch regelmässige Telefonanrufe oder Briefe seien Elemente. Bereits ein einziges Gespräch könne das Risiko für einen erneuten Suizidversuch deutlich senken, sagt Homan.

Ein Team unter der Leitung von Psychologinnen und Psychologen der Universität Zürich hat untersucht, ob Kurzinterventionen nach einem Suizidversuch weitere Versuche verhindern können. Dazu analysierten die Forschenden 36 Studien aus den Jahren 1993 bis 2025 mit insgesamt rund 9500 erwachsenen Teilnehmenden aus Europa, Amerika, Asien, dem Nahen Osten sowie Australien und Neuseeland. Alle Teilnehmenden hatten mindestens einen Suizidversuch unternommen.

Das zentrale Ergebnis: Personen, die eine Kurzintervention erhielten, hatten eine um 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizidversuchs als Personen, die nur die übliche medizinische Versorgung erhielten.

Stephanie Homan erklärt weiter, dass es für Kurzinterventionen nicht nötig sei, eine psychotherapeutische Ausbildung zu haben. «Auch Pflegefachpersonen oder Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen können Interventionen durchführen.» Dadurch würden sich mehr Patientinnen und Patienten erreichen lassen. Sie selbst arbeitet an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich mit Menschen nach Suizidversuchen, bietet Kurzinterventionen an und forscht in der Suizidprävention.

In Bern betrachten Personen ein Plakat der Kampagne «Takecare Me» zu Suizidprävention. (Quelle: KEYSTONE / Anthony Anex)

Kurzinterventionen könnten zudem überall angewendet werden: in Notaufnahmen, auf psychiatrischen Stationen oder in der ambulanten Versorgung zu Hause, so die Psychologin. «Überall dort, wo personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind.» Gleichzeitig betont Homan, dass Kurzinterventionen keine intensiveren Therapien ersetzen können. Sie könnten eine erste, rasch verfügbare Unterstützung bieten und Teil einer Präventionsstrategie sein.

In der Forschung zur Suizidprävention arbeitet Stephanie Homan an einem Projekt, das smartphone-basierte Behandlungsmodule entwickeln will: digitale Interventionen, um Menschen mit Suizidgedanken in ihrem Alltag zu erreichen.

Interventions-App

Funktionieren könnte das so: Das Smartphone schickt einer Person eine Nachricht, die beantwortet werden muss. Mit dem Ziel, dass die Person ihre negativen emotionalen Zustände regulieren kann und damit Einfluss auf Suizidgedanken nimmt.

Sero

In der Schweiz ist eine ähnliche App bereits weit verbreitet: In der Sero-App sind Notfallnummern sichtbar, ein persönlicher Sicherheitsplan auf der App kann präventiv wirken.

Keine App und keine KI ersetze jedoch die medizinische Fachbetreuung, sagt Stephanie Homan. Denn der Mensch könne, was die Technik nicht schaffe: Empathie zeigen.

Personen, die nach einem Suizidversuch eine Kurzintervention erhalten haben, hatten eine um 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizidversuchs als Menschen, die nur die übliche medizinische Versorgung erhielten. Auch Suizidgedanken nahmen ab. Das ist die Haupterkenntnis der Studie. Und dieses Fazit sei für sie «beeindruckend und ermutigend», sagt Stephanie Homan.

Den ursprünglichen Beitrag von SRF 4 News finden Sie hier.

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