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Über Suizid berichten

Es ist sehr wichtig, dass die Medienschaffenden den Papageno-Effekt und den Werther-Effekt kennen und diesen bei der Berichterstattung berücksichtigen.

Der Werther-Effekt

Nachahmungs- oder Imitationssuizide werden medial verstärkt durch eine Erhöhung der Aufmerksamkeit, wenn der Bericht auf der Titelseite erscheint, bei sensationserregenden Überschriften und spektakulärem Stil in Sprache und Darstellung. Insbesondere durch:

Details zur Person (Name, Foto, Lebensumstände, Abschiedsbrief),

Details zur Suizidmethode („starb durch …“),

Details zu Suizidort (durch Nennung oder Foto),

Details zur Suizidhandlung (filmische Rekonstruktion des Suizides vor Ort),

Details zu Suizidforen im Internet (z.B. Bekanntgabe der genauen Adressen),

vereinfachende Erklärung („Selbstmord wegen Scheidung“),

Heroisierung der Person („…wählte einen besonderen Tod“),

Romantisierung des Suizides („…nun ewig vereint“),

Interviews mit Angehörigen in der Schockphase.


Der Papageno-Effekt

Mit lösungsorientierter Kommunikation können Nachahmungstaten vermieden und die Suizidrate signifikant gesenkt werden.
Der Papageno-Effekt bei der medialen Berichterstattung über suizidales Verhalten steht inhaltlich dem Werther-Effekt gegenüber, da nachgewiesen werden konnte, dass eine bestimmte Form von Berichterstattung in den Medien offenbar suizidprotektiv wirken kann. Eine Studie von Niederkrotenthaler et al. (2010) zeigte, dass Berichte darüber, wie Menschen eine Krisensituationen konstruktiv und ohne suizidales Verhalten bewältigen, in der Woche nach dem Erscheinen des jeweiligen Artikels mit einer Senkung der Suizidraten einher geht, wobei in jenen Regionen, in denen die Berichte von vielen Menschen gelesen wurden, der Zusammenhang am stärksten ausgeprägt war. Die wichtigsten Merkmale einer protektiven Berichterstattung sind dabei das Vermeiden einer monokausalen Darstellung des Motivs und der Verzicht auf detailreiche Beschreibungen der genauen Umstände der Tat und der Person sowie Interviews mit Angehörigen. Auch die Heroisierung und Romantisierung sollte in der Berichterstattung vermieden werden, hingegen hilft es, wenn die individuelle Problematik erklärt und Lösungsansätze sowie professionelle Hilfsangebote aufgezeigt werden.


Die Checkliste für Medienschaffende in Kürze

• Hilfsangebote für Menschen in Not werden explizit erwähnt, zum Beispiel in einem Infokasten.
• Auf konstruktive Bewältigungsmöglichkeiten wird aufmerksam gemacht; Alternativen werden aufgezeigt.
• Die Suizidmethode wird weder erwähnt noch beschrieben.
• Es werden keine Bilder mit Bezug zu möglichen Suizidmethoden gezeigt (d. h. keine Schienen, keine Brücken, keine Waffen, keine Medikamente usw.).
• Die betroffene Person wird weder mit Bild gezeigt noch detailliert beschrieben. Über die Beweggründe wird nicht spekuliert.
• Der Suizid wird nicht heroisierend, idealisierend,  romantisierend oder rechtfertigend beschrieben.
• Die Tonalität ist sachlich und wertungsfrei. Für «Suizid» werden keine wertenden Synonyme wie Selbstmord oder Freitod verwendet. Geeigneter sind: Suizid, sich das Leben nehmen.
• Der Artikel erfüllt die vom Presserat festgelegten Kriterien für die Berichterstattung über Suizid.
• Es ist sichergestellt, dass der Beitrag auch im Redaktionsprozess nicht mit reisserischen Schlagzeilen versehen oder angerissen wird. Online-Leserkommentare sollten auf obige Punkte kontrolliert und falls nötig gelöscht werden.

 

Über Suizid berichten. Checkliste für Medienschaffende.

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