„Wichtig ist das Signal: Du bist nicht allein» – das sagt die Expertin

Wir stellen Diana Spieker, Psychologin und Leiterin der Anlaufstelle Suizidprävention Kanton Solothurn, fünf Fragen zum Thema.

Es ist schon länger bekannt, dass die Schweiz eine hohe Suizidrate hat. Hat sich daran etwas verändert?
Nach wie vor ist die Suizidrate in der Schweiz im internationalen Vergleich hoch, weshalb wir der Suizidprävention eine entsprechende Rolle im Gesundheitswesen einräumen sollten. Glücklicherweise zeigen die Statistiken eine zwar langsam, aber stetig absteigende Tendenz. Darüber hinaus werden pro Jahr ca. 10ʼ000 Suizidversuche medizinisch versorgt. Man geht zudem von einer Dunkelziffer aus, da nicht alle Betroffenen fachliche Unterstützung in Anspruch nehmen.

Das Thema psychische Gesundheit im Allgemeinen rückt immer mehr in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Trotzdem bleibt Suizidalität ein grosses Tabu in der Allgemeinbevölkerung. Massnahmen zur Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit sind meines Erachtens dringend notwendig. An dieses Ziel angelehnt haben wir Anfang dieses Jahres die kantonale Anlaufstelle Suizidprävention in Solothurn geschaffen.

Die psychische Belastung bei den 14- bis 25-Jährigen ist gestiegen. Warum?
An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich keine Kinder- und Jugendpsychologin bin, daher kann ich bei dieser Frage nur spekulieren. Meiner Meinung nach tragen verschiedene Faktoren zu der Zunahme der psychischen Belastung bei Jugendlichen bei. Es darf nicht vergessen werden, dass die Jugendzeit im Allgemeinen von wichtigen Veränderungen und Entwicklungsaufgaben geprägt ist. Der Körper verändert sich, man beschäftigt sich vermehrt mit der eigenen Identität. Die Ablösung vom Elternhaus steht im Raum. Gleichzeitig ist dies auch die Zeit einer möglichen ersten romantischen Beziehung und der beruflichen Orientierung.

Suizid ist in der Schweiz einer der häufigsten Gründe für frühzeitige Sterblichkeit: Im Jahr 2022 starben 958 Menschen durch Suizid. – Bei Jugendlichen ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen.

Welche Rolle spielen Ihres Erachtens die sozialen Medien?
Dank der sozialen Medien sind wir rund um die Uhr erreichbar und damit auch ständig Reizen ausgesetzt. Durch die Präsenz in der virtuellen Welt nimmt man an Krisen auf der ganzen Welt teil. Eine Patientin hat es einmal so beschrieben: Man spürt den Weltschmerz und fühlt sich für alles Mögliche verantwortlich und dadurch hilflos und überfordert. Dies alles in einer Welt, die aufgrund der vergangenen Corona-Krise und der Kriege subjektiv möglicherweise als instabil, vielleicht auch als orientierungs- und perspektivlos wahrgenommen wird.

«Die online geposteten Fotos vermitteln häufig den Eindruck einer idealen Welt, welche im Kontrast zum Alltagsleben der Jugendlichen steht.»

Wie äussert sich Suizidalität und wie sollen wir darauf reagieren?
Suizidalität kann jede und jeden treffen. Deswegen gibt es nicht eine spezifische Gruppe von gefährdeten Menschen. Wenn aber jemand gerade Schicksalsschläge durchmacht und Mühe zeigt, wieder Fuss zu fassen, oder wenn jemand unter einer psychischen Störung leidet, häufig über Schuldgefühle spricht oder sogar schon Andeutungen gemacht hat, dass das Leben nicht mehr aushaltbar ist, dann wären dies schon Gründe, genauer hinzuhören und/oder direkt nach Suizidgedanken zu fragen.

Im gemeinsamen Gespräch kann es wichtig sein, die Gefühle der Betroffenen zu validieren und Verständnis für die emotionale Krise oder die belastende Situation zu zeigen. Weiter sollte man signalisieren, dass die Betroffenen mit der Last nicht allein sind und dass das Leiden und die vielleicht wahrgenommene Hilflosigkeit menschliche Erfahrungen sind, die viele Menschen irgendwann im Leben machen. Wenn die Betroffenen dies wünschen, darf man auch konkrete Unterstützung im Umgang mit dem bestehenden Problem anbieten.

Bei einem Verdacht auf psychische Störungen wäre es wichtig, auf professionelle Unterstützung hinzuweisen und den Zugang zu konkreten Hilfsangeboten zu erleichtern. Auf der Internetseite reden-kann-retten.ch findet man sehr gute Tipps zur Gestaltung eines Gesprächs mit Menschen, bei welchen man Suizidgedanken vermutet.

Warum sind niederschwellige Hilfsangebote bei Suizidalität wichtig?
Manchmal haben Menschen mit Suizidgedanken Schwierigkeiten, sich professionelle Hilfe zu holen. Andere haben in ihrem Umfeld keine Person, der sie sich anvertrauen können. Hinzu kommt, dass die Wartezeiten für eine ambulante Behandlung bei Fachpersonen aktuell sehr lange sein können. Suizidalität kann aber nicht warten. So sind die Notfalldienste und die Beratungsangebote wie z.B. Tel 143 und 147 sehr wichtig, um Krisen möglichst früh und niederschwellig aufzufangen und auf weiterführende Angebote hinzuweisen. Heutzutage sind natürlich Chat- und Mailangebote genauso wichtig, gerade für Jugendliche.

Hilfe in der Krise

Du glaubst, du kannst eine Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht.
Lass dir helfen! Folgende Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da – vertraulich und kostenlos.

143.ch – Die Dargebotene Hand.
Darüber reden hilft.

144 – Allgemeine Notfallnummer
Schutz und Rettung

147.ch – Pro Juventute.
Beratung und Hilfe für Jugendliche

seelsorge.net

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Ein offenes Ohr auf Augenhöhe

Im Rahmen des Welttages der Suizidprävention lädt ein Sofa ein zum Innehalten, Austauschen und Auftanken. Hier ist Raum für das, was dich beschäftigt: Gedanken, Sorgen, Fragen oder einfach das Bedürfnis, gehört zu werden.

Komm vorbei und erzähl uns deine Geschichte!

Mittwoch, 10. September zwischen 11:30 und 13:30 Uhr
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